Hans

Auf dem Weg Vater zu werden

Alles war geplant, der Kaiserschnitt abgesprochen, der Termin mit der Klinik vereinbart und der Urlaub in der Firma eingereicht. Doch unser Sohn hatte es eilig. Irgendwo zwischen Kassel und Göttingen im ICE klingelte mein Telefon:

„Hallo Schatz, meine Fruchtblase ist geplatzt. Ich hab mir einen Krankenwagen gerufen. Es wäre schön, wenn Du schnell zurück kommen könntest.“

Ein Tunnel beendete das Gespräch, bevor ich auch nur eine Frage stellen konnte. Und dann begann es in meinem Kopf zu arbeiten…

Ein Blick auf die Uhr und kurz danach auf den Fahrplan verriet mir, dass ich in wenigen Minuten in Göttingen aussteigen würde. Also raffte ich hastig meine Sachen zusammen, gab die Fahrkarte meiner Kollegin und schob den Notebook in die Tasche. Fragend schaute sie mich an und ich erwiderte:

„Das Kind kommt — ich muss zurück nach Stuttgart!“

Der ICE wurde langsamer und kam dann mit einem kaum merklichen Ruck zum stehen. Ein paar Augenblicke später sprang ich auf den Göttinger Bahnsteig und folgte den Wegweisern zum DB-Reisezentrum. Schnell erwarb ich eine neue Fahrkarte — nicht ohne dem freundlichen Herrn hinter dem Schalter mitzuteilen, dass ich wohl gleich Vater werden würde. Eine knappe halbe Stunde musste ich noch warten und so entschloss ich mich erst einmal, etwas zu essen. Man kann ja nie wissen, wie lange so eine Geburt dauert — vor allem nicht, wenn es die erste ist.

Die weiteren Stunden gaben mir die Möglichkeit, mich mental auf das bevorstehende Ereignis einzustellen. Man malt sich so eine Geburt und das Geschehen drumherum immer wieder aus, argumentiert alle Risiken aus dem Gewissen – aber wenn es dann soweit ist, dann kommen alle bereits abgelegten Bedenken schlagartig wieder zurück.

„Sicher ist das Kind schon auf der Welt, bis ich im Krankenhaus bin…“

Hoffnung oder Befürchtung — ich glaube, es war beides. Einerseits hatte ich Angst vor dem Unbekannten, andererseits wollte ich ungern zu spät kommen. In der Situation könnte selbst ein Hochgeschwindigkeitszug gern noch ein paar Zähne zulegen. Nicht auszudenken was emotional in mir vorgegangen wäre, wenn dieser womöglich noch liegen geblieben wäre.

„Soll ich zuerst noch in der Wohnung vorbei fahren, um mir das nötigste einzupacken oder lieber gleich ins Krankenhaus?“

Endlich in Stuttgart angekommen war mir klar, was ich tun würde. Und schon wenige Minuten später saß ich im Cabrio und fuhr mit offenem Verdeck durch die Innenstadt. Ein hastiger Blick auf die Uhr und wieder poppten Gedankenfetzen hoch.

„Fahr nicht so schnell, sonst passiert noch was — konzentriere dich lieber auf die Straße!“

Endlich lag die Innenstadt hinter mir und ich konnte die Filderklinik sehen. Nur noch wenige Ausfahrten, und ich würde da sein. Endlich. Dach zu, Telefon aus und nichts wie rein.

„Ob man mir wohl ansieht, dass ich einer von den werdenden Vätern bin, wie man sie aus dem Fernsehen kennt? Nö, ich bin doch total entspannt.“

Auf die Frage, wo ich Sylvia finden würde entgegnete mir die Dame am Empfang nur:

„Die ist noch bei den Hebammen. Gehen Sie hier den Gang rechts, … links … 1. Stock dann … hinten …“

Nur einzelne Wortfetzen drangen an mein Ohr und ich folgte einfach den Schildern. Da war schon eine Hebamme, das verriet mir Ihr Namensschild und auf meine Frage nach Sylvia brachte Sie mich geradewegs in Ihr Zimmer. Und da lag sie, lächelte und sah total entspannt aus. Sie begrüße mich mit den Worten:

„Da bist Du ja, schön dass Du es noch rechtzeitig geschafft hast!“

Und ich dachte, ich wäre der coole in unserer Beziehung. Ich hatte erwartet, Sylvia in hellem Aufruhr vorzufinden, Schweißperlen auf der Stirn, laut meinen Namen rufend. Nichts dergleichen. Natürlich sah man ihr die Anspannung vor dem Unbekannten ein wenig an — aber nur, wenn man sie genau kannte.

Ein Kommentar zu “Auf dem Weg Vater zu werden”

  1. » Als Vater bei der Geburt mit dabeiam 12.08.2008 um 11:28

    [...] Nachricht auf dem Weg zur Hannovermesse. Was mir dabei durch den Kopf ging habe ich im Artikel  „Auf dem Weg Vater zu werden“ beschrieben. Deshalb kam ich auch völlig unerwartet und vor allem gänzlich unvorbereitet im [...]

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