Kristjan

Kristjan

Bereits zu Beginn der Schwangerschaft hatte mich Sylvia gefragt, ob ich bei der Geburt mit dabei sein würde. Weil ich sehr neugierig und viel zu ungeduldig bin, war gar keine Überredungskunst ihrerseits notwendig — ich wollte mir dieses Ereignis auf keinen Fall entgehen lassen. Auch wenn die Geburt per Kaiserschnitt erfolgen sollte.

 

Am Tag der Geburt erreichte mich die Nachricht auf dem Weg zur Hannovermesse. Was mir dabei durch den Kopf ging habe ich im Artikel  „Auf dem Weg Vater zu werden“ beschrieben. Deshalb kam ich auch völlig unerwartet und vor allem gänzlich unvorbereitet im Krankenhaus an. Gerade noch so rechtzeitig, dass mir Sylvia erzählen konnte, wie es ihr am Morgen so ergangen ist und wann der Termin für den Kaiserschnitt angesetzt wurde.

Eine Krankenschwester betrat das Zimmer und teilte uns mit, dass es nun los gehen würde. Das brachte unseren Puls natürlich nach oben. Sylvia wurde im Bett geschoben und ich lief nebenher. Vor dem OP trennten sich unsere Wege. Nach einer kurzen Einweisung in der Umkleidekammer ließ mich die Schwester alleine und ich schlüpfte in passende Kleidung, die nach Größen sortiert in Regalen bereit lag. Als letztes legte ich einen Mundschutz an und betrat durch die zweite Tür den Vorbereitungsraum.

Sylvia war natürlich schon da und wurde gerade am Rücken desinfiziert. Der Pfleger stellte sich mir vor und fuhr dann mit seiner Arbeit fort. Auch der Narkosearzt, der kurze zeit später den Raum betrat, begrüßte uns freundlich und begann damit, Sylvia und mir die spinale Narkose zu erklären. Ich war erstaunt, wie viel Ruhe hier herrschte. Irgendwie hatte ich mir das Treiben viel hektischer vorgestellt.

Stattdessen machte der Narkosearzt Witze und unterhielt sich ganz locker mit Sylvia. Auch versprach er ihr, dass sie der Arzt zur Sicherheit noch einmal kneifen würde, bevor er den ersten Schnitt machen würde — um ganz sicher zu gehen, dass sie nichts mehr spüren konnte.

Sylvia musste sich auf die Seite drehen und die Narkose wurde gelegt. Kurze Zeit später wurde die Tür zum OP geöffnet. Das war das Zeichen – es ging jetzt endgültig los. Während der Narkosearzt weiterhin seine Witze mit uns machte und wir über beide Ohren grinsen mussten, fanden die letzten Vorbereitungen statt. Ein Tuch wurde aufgespannt, so dass weder Sylvia noch ich etwas sehen konnten. Ein Hocker wurde mir gebracht und ich setzte mich und hielt Sylvias Hand fest.

„3,2,1 — Schnitt!“

Hörte ich eine Stimme leise sagen – und der Narkosearzt grinste fröhlich und meinte zu uns:

„Oh, da hat er doch glatt vergessen, Sie zu kneifen.“

Sylvia hatte sich für die  ”Misgav-Ladach-Methode” entschieden. Dabei wird das Schneiden des Muskelgewebes stark reduziert. Statt dessen werden die Bauchdecke und die Gebärmutter durch Dehnen und Reißen des Gewebes so weit geöffnet, dass der Säugling entnommen werden kann. Mit dieser Methode wird die Heilung beschleunigt und damit die Liegezeit nach einem Kaiserschnitt im Krankenhaus auf wenige Tage verkürzt. 

Ich war ständig am überlegen, ob ich mir das mal ansehen soll. Wann hat man schon mal die Chance, sich eine geöffnete Bauchdecke “live” anzusehen. Aber ich habe mich nicht getraut einen Blick auf die andere Seite zu werfen. Als Sanitäter hatte ich schon viel gesehen aber das was da hinter dem Tuch vor sich ging, war etwas anderes als kleine Fleischwunden. In Ohnmacht zu fallen wollte ich dann doch nicht riskieren.

Von “hinter dem Tuch” konnte ich erahnen, was dort vor sich ging. Während Sylvia ruhig lag, bewegte sich alles unterhalb der Brust als würde jemand mit ihrem Unterkörper sportliche Übungen vollführen. Und dann hörte ich leise, wie jemand flüsterte:

„Na toll, eine Querlage!“

Unser Kind hatte sich wohl durch die heftige Strampelei in der vergangenen Nacht in eine Querlage gebracht und damit wäre der Kaiserschnitt sowieso notwendig geworden. Sorgen machte ich mir in diesem Moment nicht wirklich — denn nach weiteren heftigen, fremdgesteuerten Bewegungen von Sylvia hörte ich wieder die Stimme. Diesmal sagte sie:

„Ich habe eine Hand!“

Und kurz darauf hörte ich auch schon einen kleinen, zarten Babyschrei. Bevor ich so recht sortieren konnte, ob das jetzt unser Kind oder ein anderes war, tippte mir eine Hebamme auf die Schulter und meinte:

„Kommen Sie mal mit.“

Da lag es nun und mein erster Blick ging gleich voll zwischen die Beine. Schließlich wollte ich nun endlich wissen, ob wir einen Junge oder ein Mädchen bekommen hatten. Die Meinungen der Ärzte und Hebammen gingen da stark auseinander. Der Arzt sollte recht behalten. Wir hatten einen Sohn bekommen.

Ich sah der Ärztin bei der ersten Vorsorgeuntersuchung (U1) zu. Dabei werden die Vitalfunktionen auf Ihre Funktion überprüft um im Notfall sofort Maßnahmen zu ergreifen.  Und dann sagte sie:

„Alles in Ordnung – wir bringen ihn jetzt zur Mutter.“

Sie wickelte den kleinen Kristjan in ein Handtuch und wir gingen die paar Schritte zu Sylvia zurück und legten Ihr unseren Sohn auf den Brustkorb. Erst jetzt hatte ich Zeit, den Gefühlen freien Lauf zu lassen und auch Sylvia war sichtlich gerührt, erleichtert und glücklich.

Als die Nachversorgung von Sylvia abgeschlossen war, sprach mich eine Hebamme an und forderte mich auf, wieder in die Umkleidekammer zu gehen. 

„Gehen Sie sich schon mal umziehen – ich bring Ihnen Ihren Sohn und Ihre Frau gleich raus.“

Das Umziehen ging sehr flott. Nichts wie raus hier, dachte ich und stand nur wenige Minuten später schon vor der OP Tür und wartete. Die Tür ging auf, die Hebamme kam heraus und drückte mir den in Handtücher gewickelten Kristjan in die Arme und sagte:

„Herzlichen Glückwunsch – hier ist Ihr Sohn.“

Kristjan kurz nach der Geburt

Facebook Twitter Email

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Anzeige